Mystische Wesen in Märchen

Ein Gastbeitrag der schwedischen Märchenautorin Larissa Tjärnväg

Mystische Wesen in meinen schwedischen Märchen

Als ich anfing diese kleine Abhandlung zu schreiben, wollte ich eigentlich nur etwas zu mystischen Wesen in schwedischen Märchen berichten, um sie euch damit näherzubringen. Aber sofort kreisten in mir der Gedanken, euch zu berichten, warum ich überhaupt Märchen schreibe.

Zauber der Märchen

Nun, wir leben bereits im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts und Märchen sind, vergleicht man es mit der normalen Fantasy-Literatur, alles andere als „Geldbringer“ für Autoren und Autorinnen. Will man heute einen schnellen Erfolg, so schreibt man meistens Krimis oder erotische Romane und die Kasse klingelt.

Aber glaubt es, oder glaubt es auch nicht: Märchen beinhalten diese
Themen auch, nur weil sie anders verpackt sind und nicht sofort erkannt werden, wird ein Märchen oft als altmodisch oder „out of the art“ betrachtet.
Glaubt es mir aus meiner Erfahrung als „Märchentante“: Märchen muss man wirklich schreiben wollen und den ganz eigenen Zauber, den sie beinhalten, muss man auch verbreiten können.

Sie haben aber einen wesentlichen Vorteil: Sie sind fast zeitlos, ein Krimi hingegen altert relativ schnell. Ihr glaubt es mir nicht? Ich glaube in Deutschland ist das Märchen Hänsel und Gretel fast jedem bekannt, aber wie hieß denn der erste Krimi von Håkan Nesser?

Zeitkapseln

Aber den Worten, mit denen mein Verleger meinen YouTube-Kanal einleitet, ist eigentlich nichts hinzuzufügen: „Märchen und Sagen werden erzählt, solange es die Menschheit gibt. Es sind kleine Zeitkapseln, die im Laufe der Entwicklung der Völker entstanden sind und entstehen. In ihnen sind
auch viele Weisheiten, Lebenserfahrungen und Erkenntnisse durch viele Jahrhunderte gerettet.

Auch und gerade in den heutigen Tagen geben sie noch immer Mut, Kraft und neues, kreatives Gedankengut. Sie zeigen auf, dass und wie das Gute über das Böse siegt. Aus diesem Grund war und ist es für uns ein Anliegen, die (meist) schwedischen Märchen von Larissa Tjärnväg zu verlegen. Larissa ist der alten nordischen Mythologie zu Hause, sie verwendet bei ihren Erzählungen Figuren und Gestalten aus der alten Edda, zeigt aber auch die Verwebungen
des alten Glaubens mit dem Christentum.“

Dem kann ich nicht mehr hinzufügen, es ist fast alles damit ausgedrückt und ich hoffe, dass meine Märchen zu „Kalle-Nisse“ oder meine „Erzählungen der blauen Häsin“, letztere sind noch nicht in Deutschland verfügbar und laut meinem Verleger hat er auch erst zwei übersetzt, irgendwann einmal allen zur Verfügung stehen werden.

Mystische Wesen

Aber kommen wir nun auf das Thema der mystischen Wesen. Zwar haben deutsche und schwedische Märchen den gleichen Sprachstamm, allerdings sind die deutschen Märchen leider viel ärmer an mystischen Wesen als die schwedischen Märchen.

Das ist jetzt aber nicht unbedingt ein Nachteil, sie sind damit vielleicht einfach nur bodenständiger. Aber sollen Märchen das unbedingt sein? Es liegt vielleicht auch eher daran, dass im deutschen Sprachraum die Wälder früher in Agrarfläche gewandelt wurden und in Schweden immer noch größere „Ur“-Wälder existieren? Damit sind viele der Waldgeister, die es in Schweden gibt, in Deutschland einfach nicht existent.

Deutsche Märchen

Werfen wir einen Blick auf die Sammlung der Brüder Grimm und suchen wir sie nach mystischen Figuren ab: Hier finden wir sehr oft die Feen als alte, weise Frauen, die auch bis zu einer Anzahl von zwölf Feen als Helferin auftreten. Die dreizehnte Fee ist dann eine böse Fee oder eine Hexe.

Damit ist eigentlich relativ viel ausgedrückt und im Grunde sind die Feen in deutschen Märchen alles Hexen, wenn auch gutartige. Das weitere Umfeld einer Fee wird nie beleuchtet, vielleicht aus gutem Grund?

Bei den Zwergen spalten sich die Geister. Sie treten als gute, positive Wesen auf und sind ebenfalls in einer Helferrolle (Schneewittchen), können aber auch diabolische und bösartige Wesen darstellen. So auch als Rumpelstilzchen und damit oft Gegenspieler des Helden. Sie sind in deutschen Märchen fast immer die Gegenspieler: In Schneewittchen sind sie die Gegenspieler der bösen Königin und damit positiv, im Rumpelstilzchen sind sie die Gegenspieler der guten Seite.

Auch die Figur des Drachen taucht in den Märchen der Gebrüder Grimm auf, aber mir ist nur eines bekannt „Die zwei Brüder“. Diese Rolle ist leider fast immer negativ besetzt.

Die Figur des Riesen taucht in den Märchen der Gebrüder Grimm schon häufiger auf, allerdings nicht immer als besonders geistig helle Gestalt.

Die Elfen werden in der deutschen Märchenkultur als launische Helfer oder Helferinnen dargestellt, hier gibt es in Schweden viel mehr Unterscheidungsmöglichkeiten.

Bei den Geistern wird es spannender: Ich kenne kein Märchen der Gebrüder Grimm mit Wassergeistern, wohl aber mit Geistern. Die Rolle des Zauberers ist allerdings öfter zu finden, wobei es sich fast immer um eitle und wenig gutartige Personen handelt.

Schwedische Märchen

Doch betrachten wir jetzt einmal die schwedische Märchenwelt und damit auch mein „Universum“. Auch in schwedischen Märchen tauchen Feen auf und werden oft den Hexen gleichgesetzt, da unterscheiden sich beide Kulturen kaum, auch hier gelten die Feen schlechthin als Helferfiguren. Allerdings sind die Hexen in Schweden nicht immer so negativ beschrieben wie in Deutschland. Hier gab es vielleicht auch etwas weniger Verfolgung. In meinen Märchen sind es oft auch Kräuterkundige Frauen und Heilerinnen jeglichen Alters.

Auch haben die Zwerge einen anderen Ursprung als in Deutschland. Zwerge sind hier mehr den Wald-, Wasser- und Berggeistern zuzuordnen. Ich selbst
verwende gern Zwerge, deren Namen es schon in der Edda gibt.

Einen großen Unterschied gibt es auch bei den Riesen. Der Riese taucht in den schwedischen Märchen nicht so oft auf, allerdings der Troll. In der Sichtweise eigentlich oft ein Riese mit Schwanz und nicht besonders hübsch. Eigentlich aber sind die schwedischen Trolle nicht darauf aus, Schaden zu bringen, es sind Wesen beiderlei Geschlechts, die aber neben ihren Fähigkeiten zaubern zu können, leider auch als geheimnisvoll und unzuverlässig gelten. Es sind reine Waldwesen, die gern in Höhlen leben. Es existiert aber gerade auch, und das höre ich heute immer noch in Schweden unter vorgehaltener
Hand, der Mythos, sie tauschen Kinder aus und legen ihre eigenen Kinder in die Wiege der Menschenfrauen. In meinen Märchen verdreht so manche, wider Erwarten hübsche, Trollfrau einem Mann den Kopf.

Bei den Elfen fangen dann die großen Unterschiede zwischen den Kulturen so langsam an: hier gibt es Lichtwesen, aber auch dunkle Nachtwesen. Die Elfen sind Lichtwesen und die Alfen / Alben als dunkle Wesen schwärzer als Pech. Diese Rollen findet man in den grimmschen Märchen nicht
mehr.

Auch die Wassergeister machen sich im deutschen Märchenschatz der Gebrüder Grimm etwas rar: In Schweden kennt man den „Strömkarl“ und auch den „Näck“, der eine lebt mehr in reißenden Strömen, der andere mehr in allen Gewässer, gern nahe Mühlwehren. Der Strömkarl wird dabei gern als meisterhafter Geiger beschrieben, der es schafft, vom Land aus Menschen in seine Gewässer zu locken.

Kommen wir zu einer weiteren Gruppe von Geistern, die gern in Märchen auftauchen. Es sind die Gruppe der Rå. Zu den Rå zählen die Huldra oder Hulder (weibliche Form) und die Huldrekall (männliche Form). Die Huldra sieht aus wie eine bildhübsche Waldfee mit langen blonden Haaren,
die darauf aus ist, menschliche Männer zu verführen. Allerdings trügt der Schein. Jede Huldra hat, wie auch die Trollfrau, einen Schweif in der Form eines Kuh- oder Fuchsschwanzes, den sie aber geschickt verstecken kann, indem sie ihn oftmals um ihr Bein wickelt. Sie ist eine hervorragende
Sängerin und setzt ihre Stimme auch zur Verführung ein. Sie sind meist freundlich und wohlwollend, gelten sogar als die Schutzgeister der Köhler. Befriedigt ein Mann sie allerdings sexuell nicht richtig, töten sie den Mann oft, indem sie ihm im Wald den Verstand rauben und er nicht mehr herausfindet. Heiratet ein Mann eine Huldra, so wird er bald Reichtum und Kindersehen erleben, behandelt er sie schlecht, so wird sie zur schlimmsten Furie, die ein Mann sich vorstellen kann. Die Huldrekall gelten im Gegensatz zur Huldra als hässliche und abstoßende Wesen.

Eine weitere oder weitere Figuren, die gern in meinen Märchen auftauchen, sind die Nornen. Die drei Nornen, oder auch die drei Schicksalsfrauen, heißen Urd (das bedeutet Schicksal und beschreibt die Vergangenheit), Verdandi (bedeutet die Werdende und beschreibt die Gegenwart) und
Skuld (beschreibt das, was einmal sein wird und damit die Zukunft).

In den grimmschen Märchen sind drei weisen Frauen als „Die drei Spinnerinnen“ zu finden, vermutlich (?) eine entsprechende Entleihe an die drei Nornen, aber leider nicht mit der gleichen Fähigkeiten ausgestattet.

Allerdings gibt es auch in deutschen Märchen eine Anleihe aus der nordischen Mythologie: In den Rauhnächten, um den Jahreswechsel findet die „wilde Jagd“ statt, in der Odin mit Freya zum Jagdgefolge gehören. Die Rolle der Freya in der nordischen Mythologie ist in den deutsche Märchen Frau Holle, die im übrigen auch zu den Nornen gezählt wird und in einem untergegangenen Reich lebt.

Ihr könnt Euch vielleicht vorstellen, dass meine Märchen etwas anders als die deutschen Märchen sind, sie sind zwar verwandt durch die gemeinsamen germanischen Wurzeln, aber sie sind auch mehr mit der nordischen Mythologie verflochten, als die bekannten deutschen Märchen. Eine entsprechende Rückmeldung habe ich auch von den Lektorinnen erhalten.

Mora, den 2021-11-09 Larissa Tjärnväg

Meine Webseite: https://larissa-tjarnvag.weytecon.com/
Märchen „Kalle-Nisses Träume und Erzählungen“: https://kalle-nisse-dezember.weytecon.com/
WeyTeCon-Förlag: https://verlag.weytecon.com